Freitag, 29. Dezember 2006

Körpersprache für Dirigenten
Zusammenfassung des Referats “Auftreten, Haltung, Körpersprache”
Für den Schweizerischen Blasmusikdirigentenverband , Wettingen, 16.9.2006

Baldur Brönnimann
www.baldur.info
baldur@baldur.info

1. Grundlagen

- Körpersprache ist eine grundlegende Eigenschaft menschlicher Existenz.
- Nonverbaler Ausdruck wird noch vor verbalem Ausdruck gelernt.
- Zwischenmenschliche Kommunikation im Alltag besteht ungefähr aus 7% verbaler Information, 38% vokaler Information (Tonfall, Artikulation der Stimme etc.) und 55% nonverbaler Information.
- Laut Charles Darwin ist Körpersprache und Ausdruck von Gefühlen ein grundlegender Aspekt der menschlichen Entwicklung.
- Wenn wir durch unser Leben gehen, lernen wir uns besser nonverbal auszudrücken und nonverbale Signale zu lesen.

2. Körpersprache im Alltag

- Wir kommunizieren ständig mit unserer Umwelt. Bewusst oder unbewusst.
- In unserer Kommunikation wenden wir vokale, verbale und non-verbale Signale meistens gleichzeitig an - besonders wenn wir uns der Kommunikation bewusst sind. Körpersprache kann aber auch allein wirken und ist fast ununterbrochen präsent.
- Körpersprache gilt als vertrauenswürdiger als Worte. Man traut den Worten nicht, falls eine Diskrepanz zum körperlichen Ausdruck besteht. Körpersprache liegt näher an den Wurzeln menschlicher Existenz und wird deshalb als aussagekräftiger angesehen.
- Kommunikation ist besonders überzeugend, wenn verbale, vokale und nonverbale Signale in die gleiche Richtung gehen. Man spricht von Kongruenz. Umgekehrt (im Falle der Nichtübereinstimmung) von Inkongruenz.

3. Elemente der Körpersprache

- Körpersprache beinhaltet alle Signale die optisch wahrgenommen werden: Gestik, Mimik, Tempo, Haltung, Kleidung etc.. Alle äusseren Signale senden optische Botschaften, die von unserer Umgebung interpretiert werden.
- Im Gegensatz zum verbalen Ausdruck weden die meisten körpersprachlichen Signale unbewusst gesendet und auch unbewusst wahrgenommen. Unbewusst gesendete Signale beinhalten "leakage" (Ekman) - durchgesickerte Zeichen, die in sogenannten Mikrobewegungen versteckte Gefühle zeigen.
- Die unbewussten Signale haben einen direkten Bezug zu unserem Gefühlsleben. Unbewusste Signale haben nur eine Wirkung, wenn sie von wirklicher, tiefer Überzeugung getragen sind.

- Körpersprache kann, genau wie jede andere Form des Ausdrucks, bewusst gelernt und verbessert werden. Musiker, Schauspieler, Politiker und alle Personen die in irgendeiner Art und Weise beruflich mit Menschen zu tun haben, können Körpersprache bewusst und effektiv als Mittel der Verständigung benützen.


4. Der Vorgang nonverbaler Kommunikation

- Der Dirigent macht keine Musik. Er kommuniziert Musik. Seine musikalischen Qualitäten werden nur sichtbar, indem sie überzeugend kommuniziert werden.
- An der Quelle der Kommunikation steht der Gedanke, die sinnliche Empfindung, die Klangvorstellung die beim Lesen und Verinnerlichen der Partitur entsteht. Körpersprache entsteht durch einen komplizierten neurologischen Vorgang, in dem diese gedanklichen oder inneren Impulse zu physischen Signalen umgewandelt werden
- Unsere Körpersprache ist nur so gut wie unsere innere Vorstellung es erlaubt.
- Körpersprache gehört zum Metier des Dirigenten. Die Sensibilität für innere Impulse und die Ausdrucksfähigkeit müssen geübt und erarbeitet werden. Wichtige Elemente der Ausdrucksfähigkeit finden sich bei den klassischen Autoren der Darstellungs- und Bühnenkunst (Stanislawsky, Meyerhold, Tschechov etc.).
- Wenn ein Signal gesendet wird, wird es nicht immer richtig verstanden. Die Botschaft kommt beim Empfänger nur an, wenn sie überzeugend ist, und das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger ungetrübt.
- Im Zusammenwirken von verbalen und non-verbalen Signalen gilt es nach Kongruenz zu streben. Konguenz heisst in diesem Zusammenhang die Übereinstimmung von verbaler und non-verbaler Information. Nichtübereinstimmung wird als Inkongruenz bezeichnet.
- Der Dirigent muss nicht nur Körpersprache senden, sondern auch lesen können. Musiker kommunizieren non-verbal, während sie spielen und sind gewöhnt auf körpersprachliche Signale zu reagieren.
- Ziel der non-verbalen Kommunikation ist Einfühlung. Einfühlung heisst das Nachvollziehen von Empfindungen und Gedanken vom Sender zum Empfänger. Wir haben die Möglichkeit, Freude, Trauer oder Schmerz mitzuempfinden, obwohl wir nicht direkt beteiligt sind. Es ist wichtig eine unsichtbare Verbindung zu den Musikern herzustellen, damit Einfühlung entstehen kann.
- Die Qualität unserer Kommunikation hängt ab von unserer Eloquenz. Eloquenz heisst die Breite der Ausdrucksmöglichkeiten, die wir zur Verfügung haben, sei es als verbale, vokale oder non-verbale Signale. Wenn Informationen immer genau gleich vermittelt werden, wird die Empfindung und die Vorstellungskraft der Musiker eingeschränkt. Das gilt für verbale, vokale und non-verbale Signale.
- Reden in der Probe ist eine Notlösung. Es sollte wirklich nur das erklärt werden, was nicht anders ausgedrückt werden kann. Und sprachliche Information wird besser verstanden wenn sie von kongruenten Körpersignalen unterstützt wird.
- Musikalische Information ist oft schwerer zu erklären als zu zeigen. Musik ist eine abstrakte Sprache und lässt sich oft schwer in Worte fassen. Sie lässt sich oft besser als Bewegung darstellen.


5. Praktische Beispiele

- Das Orchester steht beim Konzert im Rampenlicht. Der Dirigent schon bei den Proben. Versuchen Sie ständig, an sich zu arbeiten. Jeder Dirigent ist nur so gut wie seine letzte Porbe.
- Ihre Haltung, ihr Auftreten und ihr Verhalten sendet ständig Signale. Behalten sie immer ihr Ziel in den Augen: Gute Musik zu machen.
- Persönliche Probleme, Unsicherheiten oder Charakterzüge zeigen sich auf dem Podium in verstärkter Form. Versuchen sie nie, etwas zu überspielen. Echtheit und Natürlichkeit wirken immer überzeugend.
- Vertrauen Sie auf sich. Die Musiker erwarten von ihnen Inspiration, Energie und musikalische Leidenschaft - halten Sie nicht zurück!
- Zeigen sie ihr Charisma. Geben sie den Musikern einen Grund nach vorne zu gucken.
- Die selben Regeln die beim Gespräch gelten, gelten vor dem Orchester: Schauen sie die Musiker an! Ihre Signale werden sonst nicht verstanden. Schauen sie ins Orchester und ab und zu in die Partitur, nicht umgekehrt.
- Benützen Sie "pre-acting". Zeigen sie den Ausdruck, bevor ein Stück beginnt. Suggerieren sie den Musikern die richtige Stimmung, den richtigen Ausdruck einer Passage. Gesten sagen mehr als Worte, vertrauen sie auf die Einfühlung.
- Verlieren Sie nicht ihre Ausdruckskraft, wenn sie erklären. Erklären und Dirigieren sollten imm gleichen Masse kreativ sein. Drücken sie ständig Musik aus.
- Benützen Sie nie technische Information allein. Jeder Auftakt, jeder Einsatz, jeder wechselnde Takt braucht einen Charakter und musikalischen Ausdruck.
- Gucken Sie ins Orchester um festzustellen, wieviel von Ihrer Information verstanden wird.
- Falls sie erklären müssen: Geben sie nie zuviel Information gleichzeitig. Die Musiker sollen an die Musik denken, nicht an ihre Erklärungen. Setzen sie einen Samen und vertrauen sie, dass er wächst.
- Proben Sie mit ihren Händen. Dirigieren sie nicht was sie hören, sondern was sie hören wollen.
- Gewöhnen sie ihr Orchester daran, auf non-verbale Signale zu reagieren. So können sie schneller, sinnvoller und freier arbeiten. Aber seien sie selbstkritisch: Falls etwas nicht funktionert, waren sie vielleicht zu wenig klar.
- Dirigiertechnik ist nur die Grammatik, nicht die Sprache. Sie wird erst sinnvoll wenn sie aussagekräftig verwendet wird. Die Technik ist ein Mittel, kein Selbstzweck. Ein guter Dirigent erreicht ein gutes musikalisches Resultat und die Technik ist nur ein kleines Hilfsmittel.
- Üben sie ihren non-verbalen Ausdruck. Einerseits im Alltag, aber auch bei Ihrer Vorbereitung. Dirigieren sie Passagen aus Ihrer Vorstellung und übertreiben Sie den Ausdruck. Die Verbindung von optischem, visuellen und körperlicher Erinnerung hilft auch Ihrem Gedächtnis, Musik besser auswendig zu lernen.
- Lernen sie zu beobachten. Gute Auffassung von Körpersprache ist der wichtigste Schritt zu ihrer effektiveren Nutzung. 9/2006

1 Kommentar:

Susan Campos Fonseca hat gesagt…

Agradecería que textos tan interesantes fueran publicados en inglés, así todos los interesados podríamos aprender de ellos, no solo los directores de habla alemana.